Same Shit, Different Day

Wie eine widerliche Mischung aus Postantifa, Linskradikalen und Antideutschen den Tag der Arbeit wiederbeleben und der kritischen Theorie das Licht ausblasen möchte

Des Linken liebste Jahreszeit rückt näher. Die letzten Schneereste in Kaltland haben endgültig den Kampf verloren und der Frühling steht vor der Tür. Und damit auch der große, heiß ersehnte Tag des Familienausflugs. Der 1. Mai lässt noch für jeden der sich irgendwie der radikalen Linken oder Antifa hinzurechnet eine Gelegenheit mal wieder gemeinsam auf die Straße zu gehen, sei es um in Kreuzberg Jagd auf Polizisten zu machen oder um in etlichen deutschen Städten den „Tag der Arbeit“ vor den Nazis, die dieses Happening aus gutem Grund schon lange nicht mehr links liegen lassen, zu schützen.
In Frankfurt aber, man legt ja doch Wert auf die ein oder andere Tradition, möchte man dieses Jahr alles anders machen. Deshalb demonstriert am 30.4, also einen Tag vor dem „internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“ nicht nur das Krisenbündis Frankfurt gegen Kapitalismus, sondern auch die lebende Theorieleiche Sinistra/ Antagonistische Assoziation kann von der Politik nicht lassen und stampft ganz unbekümmert eine Kampagne „gegen deutsche Arbeit“ aus dem Boden verdreckter Plenarräume.
Warum diese nicht nur ihrem Namen nach, wenn überhaupt müsste es „gegen den deutschen Arbeitsbegriff“ heißen, sondern vielmehr Aufgrund ihres zweifelhaften Zwecks und des sich irgendwo zwischen Theorieabfall und überlangem und gleichwohl unlyrischem Gedicht befindlichen Aufrufs keine bessere Alternative zum Hurra-Aktivismus des Umsganze Bündnisses ist, möchten wir in diesem Text klären.

„Well I was brave
And unique,
Intelligent,
A snowflake
I could have been a hero
No-one can be trusted over the age of 14″

Der Aufruf der Kampagne beginnt mit einer Einführung in die Marxsche Warenform, die kürzer und schlechter wohl kaum auf Papier zu bringen wäre. Die Textverbrecher aus Bockenheim haben es nämlich nicht nur nicht nötig eine Einleitung zu schreiben, sie reihen einfach nur über eine Seite lang Schlüsselbegriffe aus dem Kapital aneinander von denen höchstens die Hälfte erklärt wird. Bereits im der ersten Satz wird ohne jedwede Erklärung der Begriff Ware benutzt, nur um dann lustlos die von den Autoren offensichtlich x-mal, von den zu überzeugenden Lesern wahrscheinlich nie, durchexerzierte Abhandlung vom Doppelcharakter der Ware und des Fetisches mit dem überraschenden aber schließlich konsequenten Statement zum Abschluss zu bringen, dass „diese Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft, so einfach sie an und für sich sind, (1)[den Menschen nicht als solche erscheinen]“ Das dem so wäre dürfte jeden überraschen der sich an die Lektüre von Marx oder Adorno gewagt hat, ist aber wohl Vorraussetzung für Idealisten die der Meinung sind mit einem mehrseiten Pamphlet die Welt erkären zu können. Noch peinlicher wird es, wenn man in den Anmerkungen lesen muss, dass die komplette Passage „von den Genoss_innen von der ehemaligen Antifa KAO zur Verfügung gestellt“ wurde und so schon einmal den Aufruf einer gescheiterten Kampagne begann.

„There was a sense of disappointment as we left the mall
All the young people looked the same „

Wer so weit geht, der geht natürlich auch noch weiter und so wird nach dem Warenfetisch mit Schrumpfkur die Reproduktionsphäre durchs linke Milchglas betrachtet.: „Die im Arbeitsprozess verbrauchte Arbeitskraft reproduziert sich in der häuslichen Sphäre. Dabei gilt bekanntermaßen eine klare Aufteilung anhand von Geschlechtergrenzen. Während dem Mann die öffentliche, repräsentative Sphäre zugeordnet wird und er als Patriarch „das Essen nach Haus bringt“ , hat die Frau sich, dieser Logik nach, um Haus und Herd (inkl. Kinder) zu kümmern. “
Es hat fast schon etwas ironisches wie linke Kritikaster es schaffen mal um mal die Gesellschaft nach den feuchten Träumen konservativer Ex-Nachrichtensprecherinnen und Bayrischer Dorfpolitiker zu zeichnen, aber mit der Realität haben wohl alle drei wenig zu tun. Der Student (und die Studentin) des Jahres 2010 und seine Freunde aus der Bank, von der Businesschool oder aus der Pilotenausbildung bei Lufthansa gehen wohl wesentlich lieber zur Afterwork Party und entspannen am Wochenende bei Technofesten mit ein bischen Koks und viel Bier um dann anschließend, mit etwas Glück in Gesellschaft, in der Singlewohnung oder in der WG ins Bett zu fallen. Der eigene linke Lebenstil, der jenem verblüffend gleicht und sich nur meist in etwas heruntergekommenern Orten entfaltet, kann und wird bei den Autisten von Sinistra nicht ansatzweise zum Objekt der Analyse, und das obwohl der einzige Unterschied zwischen dem antideutschen und dem deutschen Feiervolk an Wochenenden wohl der ist, dass sich die Gesellschaftskritiker hinterher für ihren Hedonismus auf die Schultern klopfen in der falschen Gewissheit nicht Teil der Restgesellschaft zu sein.

„So why do you go picking fights that you‘ll lose?
When you have entertainment, when have your things to pass the time
So why do you have to go thinking thoughts that are above you? „

Theoretisch sprunghaft, fast sind wir versucht das Wort „postmodern“ zu verwenden, reicht die Aneinanderreihung von Kapitalismus und Sexismus natürlich nicht aus und so muss unter Verweis auf Fichte der Zeigefinger ehoben werden, dass das Böse immer geballt als Triple Oppression auftritt: „Zu diesem Thema postulierte der auch für seine Aussagen im Bezug auf Jüdinnen und Juden populäre Philosoph Johann Gottlieb Fichte die Ehe als „vollkommene Vereinigung zweier Menschen“, in welcher der Mann die rationale – beim Zeugungsakt aktive – Rolle einnimmt, die passive Frau hingegen sich aus Liebe vollkommen dem Mann hingibt und konsequenter Weise auch ihre sämtlichen Rechte und ihr komplettes Vermögen an ihn abtritt. “
Nicht nur dass hier noch einmal beweisen wird was in Bockenheim unter materialistischer Analyse verstanden wird; die Worte eines bald 200 Jahre toten Philosophen als vermeintlich modernen Lebenstandard auszulegen, nein man stellt auch gleich unter Beweis das man von Antisemitismus und Schriftstellerei ebenfalls keine Ahnung hat. Wären die Autoren der Gruppe Nirgendwo Deutschlehrer stünde unter diesem Satz wohl die Anmerkung, dass erstens nicht gesagt wird bei wem Fichte populär gewesen sein soll und zweitens welcher Art seine Aussagen über Juden gewesen sind. Da wir keine Deutschlehrer, dafür aber sehr Wohl Kritiker des Antisemitismus sind, wissen wir den angedeuteten Vorwurf Fichte mache „Aussagen im Bezug Judinnen und Juden“ als linkes Geraune zu entlarven. Es gibt neben Fichte wohl kaum einen deutschen Philiosoph der den modernen Antisemitismus so prägnant zusammenfasste: „Wenn du gestern gegessen hast, und hungerst wieder, und hast nur auf heute Brot, so gib’s dem Juden, der neben dir hungert, wenn er gestern nicht gegessen hat, und du tust sehr wohl daran. – Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.“(2) Fichte macht keine „Aussagen“ über Juden. Fichte steht exemplarisch für einen Antisemitismus der keinen persönlichen Hass hat, keine Tatsachendiskussion über Juden führt. Fichtes Antisemitismus ist ein abstrakter und Produkt der bürgerlichen Gesellschaft deren innere Widersprüche zwischen der zum menschlichen Schicksal erhobenen Ökonomie und den als „Reich der Freiheit“ reichlich Fehlverstandenen politischen Rechten des bürgerlichen Staates die Fichte auf Kosten der Juden lösen will.

„We tell ourselves we‘re different
I‘ve gotten so good at lying to myself „

Doch nicht nur im Bezug auf Fichte steht Sinistra mit ihrer Antisemitismusanalyse vor einem vollständigen Bankrott. Unter der Überschrift „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ versuchen die Hobbyvolkskundler doch tatsächlich nicht nur eine Kontinuität im deutschen Antisemitismus von Luther bis zu den Nazis herzustellen, sie behaupten einfach gleich: „Die Luthersche Trennung zwischen ehrlicher, deutscher Arbeit und jüdischer raffender Arbeit ist Grundlage für den nationalsozialistischen Antisemitismus. “
So einfach ist das nämlich, wenn Frankfurter Linksradikale Kampagnenpolitik machen wollen, 400 Jahre ökonomischer, gesellschaftlicher und ideengeschichtlicher Entwicklung werden über Bord geworfen, die Aufklärung und ihre Dialektik, sonst beliebtes Opfer der philosophischen Leichenfledderer von Sinistra, werden nicht nur ignoriert, ihnen wird sogar diametral widersprochen wenn von einem „roten Faden durch die deutsche Geschichte“ die Rede ist. Um den am Ende des Absatzes schändlicherweise mit einem, mittlerweile zur hohlen Phrase regredierten, Zitat bedachten Adorno vor seinen völkelnden Adepten in Schutz zu nehmen, sei ihre Steilvorlage es gäbe antisemitische „Kontinuitäten in der deutschen Sozialstruktur “ mit seinen eigenen Worten begegnet: „Keineswegs ist der totalitäre Antisemitismus ein spezifisch deutsches Phänomen. Versuche, ihn aus einer so fragwürdigen Entität wie dem Nationalcharakter, dem armseligen Abhub dessen, was einmal Volksgeist hieß, abzuleiten, verharmlosen das zu begreifende Unbegreifliche. Das wissenschaftliche Bewusstsein darf sich nicht dabei beschneiden, das Rästel der antisemitischen Irrationalität auf eine selber irrationale Formel zu bringen. Sondern das Rätsel verlangt nach seiner gesellschaftlichen Auflösung, und die ist in der Sphäre nationaler Besonderheiten unmöglich.“ (3)
Doch wo schon die Vergangenheit der Politik zum Opfer fällt, ist es um die Zukunft nicht besser bestellt. Wenn man 200 Jahre Aufklärung verschweigt und 70 Jahre Dialektik der Aufkläung, dann ist es ein Leichtes auch noch einmal so zu tun als schreibe man das Jahr 1992 und müsse als sich radikale Linke des kommenden vierten Reichs erwehren. Anders sind solche Ergüsse wohl nicht zu erklären: „Das Bild vom mächtigen „Geldjuden“ ist verbreiteter denn je, wie bei der Beobachtung eines deutschen Pausenhofs problemlos festgestellt werden kann, wenn vermeintlich geizige Mitschüler_innen als „Juden“ beschimpft werden.“ Alles ist Recht bei der Konstruktion des Gegners an der Haustürschwelle gegen den man verbalradikal zu Felde zieht, sogar die Relativierung der gigantischen NS Propagandamaschinerie, des Stürmers, des Films Jud Süß.
In Frankfurt haben die Antideutschen den Antisemitismus offensichtlich so nötig, dass sie den Nationalsozialismus relativieren um die BRD im Jahre 2010 zu skandalisieren. Ein Treppenwitz 20 Jähriger innerlinker Debatten.

„I am a martyr I just need a motive
I am a martyr I just need a cause“

Beendet wird der Kampagnenaufruf passenderweise mit einer kruden Mischung aus hilflos- sozialrevoltionärem Gestus und einer Absage an die Revolution, die die Aktivisten wohl, wenn sie die Konsequenzen aus ihren eigenen Versuchen ziehen die Gesellschaft in Worte zu fassen, in den nächsten Jahren in die Arme der Linken oder der SPD treiben dürfte.
Die Theoretischen Mängel und Fehler sind Resultat eines verkehrten Verhältnisses von Theorie zur Praxis das bei Sinistra und Co vorzuherrschen scheint. Am selben Tag an dem man gerne, ganz der junggebliebe APPD- Punker, gegen Arbeit demonstrieren möchte,findet von Seiten des Frankfurter Krisenbündnisses eine Demonstration mit dem Namen „Kapitalismus abschaffen“ statt, und man kommt, nicht zuletzt aufgrund der Kenntniss der Frankfurter Linken, um den Verdacht nicht herum, dass hier versucht wird an das „Erfolgskonzept“ der unbeliebten Konkurrenz anzuknüpfen, also die einstudierte und unhinterfragte Praxis der Traditionslinken mit der „besseren“ Theorie aufzupeppen. Dass das Resultat im besten Fall ein studentischer Schwanzvergleich bleibt, beweist sich immer wieder an der Realität, nachzulesen auf diversen Blogs oder zu erleben bei einer beliebigen Podiumsdiskussion. Im schlechtesten Fall aber beweisen die Autoren, dass ein längerer Aufenthalt im linken Szenesumpf dazu führt, dass man in Aufrufen lieber selbstaufgestellte Pappkameraden erschießt als Gesellschaftskritik zu leisten. Sich darüber hinaus an einem Tag zu orientieren der seit jeher für unhinterfragten, positivistischen Bezug zur Praxis steht, degradiert jede vernünftige Kritik an der Arbeit und ihren deutschen Freunden zu kleinkarierter Besserwisserei. Bevor es also dazu gehen kann den Deutschen und dem Rest der Welt den Warenfetisch auszutreiben muss zuvor der Linken der Fetisch der Praxis ausgetrieben werden. Es kann für uns deshalb nur heißen: Keine Parolen, keine blöden wie: „Gegen Arbeit“

Alle Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet, entstammen dem Aufruf „Geh erstmal faulenzen! Gegen deutsche Arbeit“. Nachzulesen unter 30avril.tk

(1) Nichteinmal zur grundlegenden Unterscheidung des „an sich seins“ und des „für sich seins“ hat es bei den Autoren ausgereicht.

(2) J.G. Fichte, Schriften zur Revolution

(3) Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Vorwort zu Paul Messings „Vorgeschichte des politischen Antisemitismus“


2 Antworten auf „Same Shit, Different Day“


  1. 1 O)(O 05. März 2010 um 5:41 Uhr

    Mit diesem Text hat die wandelnde Leiche: Sinistra, den Karren endgültig in den Dreck gefahren.
    Allerdings habt ihr euch auch keinen Gefallen getan den Quatsch zu schlachten.

    Euer Text trifft zwat einige Punkte, ist aber ebenfalls schwach.

    Diesen Aufruf zu kritisieren ist wie das Karpfenfischen in einem aufblasbaren Kinderplanschbecken.

    Unnötig.

  2. 2 Administrator 05. März 2010 um 12:45 Uhr

    Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und der Resignation zu gönnen.

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