Der Krug krugt, der Deutsche deutscht

Auch wenn es noch so schön wäre, die beschaulichen Städte Mainz und Wiesbaden bleiben von grassierenden linksakademischen Theorietrends nicht weniger verschont als der Rest der Welt. Während an den Universitäten in Frankfurt, Berlin, Hamburg und Land auf Land ab in antirassistischen und feministischen Zirkeln postmoderne Ideen sich schon seit längerer Zeit größter Beliebtheit erfreuen, kommt der linke Heideggerianismus in seinen verschiedenen Schattierungen, von Critical-Whiteness bis Okzidentalismus, hier erst langsam zu einer nennenswerten Wahrnehmbarkeit. Sein immanenter Widerspruch liegt in der sich besonders radikal gerierenden Verve seiner Akteure, im Vergleich zur tatsächlichen Omnipräsenz dieser Theorien, gerade im universitären Raum. Die Einladung des notorischen Antizionisten und Islamismusverharmlosers Georg Klauda zum „Festival Contre le Racisme” am 4.6 durch den AstA der Uni Mainz darf getrost als nur eine der „Wegmarken“ auf den nur scheinbar verschlungenen Pfaden der akademischen Indifferenz betrachtet werden. Grund genug, der um sich greifenden und intendierten Begrifflosigkeit der Postmoderne hier eine Kritik entgegenzusetzen, die, ohne sich der Diskussion grundsätzlich zu verweigern, nicht als bloßer Diskursbeitrag, sondern vor allem als Denunziation zu verstehen ist.

1.Die Postmoderne Wendung vom „Sprechort”, also der Bedeutung des Ortes an dem geäußert, ist weniger Euphemismus als pure Täuschung. So geht es weder um den geografischen Ort, noch um einen im sozialen Gefüge, sondern darum, den „Sprecher” mit seinen gesellschaftlich zugeschrieben Eigenschaften und den Inhalt der Aussagen des Sprechers identisch zu machen. Dabei handelt es sich jedoch nur um einen taktischen Streich. Wo nämlich eine Aussage über ein Subjekt getroffen wird, so konstatiert beispielsweise Foucault, ist dies nicht etwa ein Verfahren der Analyse, sondern eines der Zuschreibung durch die „Macht“. Deren brachialer Ausdruck wird demnach in der Wissenschaft formuliert. Keine Frage: Begriffe der Wissenschaft sind zumeist Begriffe der Herrschaft. Daraus jedoch die Regel des Sprechorts abzuleiten macht eine Kritik am Zustand (der derlei Begriffe der Herrschaft erst möglich macht) selbst unmöglich, genauso unmöglich wie Macht auf einen Begriff zu bringen.

2.Da sich das Wesen, und erst recht eine Aussage darüber, also scheinbar konstant der direkten, unmittelbaren Betrachtung durch den Kritiker entzieht, braucht es Maßstäbe. Da die begrifflichen Maßstäbe, wie sie traditionell von Kritikern formuliert werden müssen, abgelehnt werden, befindet sich der Poststrukturalismus immer im Widerspruch zu sich selbst. Mit diesem Widerspruch, den anzuerkennen wohl den früheren Poststrukturalisten noch hoch angerechnet werden darf, räumt Critical Whiteness mit einer noch plumperen Taktik auf.

3.Das Einzige das in der Lage wäre die verkehrten Verhältnisse, die die materielle Grundlage für biologistische und sozialdeterministische Erklärungsmuster überhaupt erst bilden, zu transzendieren: der kritische Gedanke, wird negiert. Er wird zurückgeführt auf den ideologischen Tand, den zu kritisieren er angetreten ist. Statt das Subjekt auf den Begriff zu bringen und dessen Mechanismen theoretisch zu fassen wird nun das „Wesentliche“ zu finden schon als Versuch verteufelt. In ihrem von Tautologien und Worthülsen triefendem Sophismus findet Critical Whiteness (statt der Subjekte und ihren Eigenschaften) nun deren Überbleibsel in den Sprechorten. Diese markieren das, was dem Subjekt ohne Begriff geblieben ist: Rasse, Klasse und Sexualität. Diese Elemente werden jedoch nicht als objektive Begriffe, wie sie vielleicht noch zu Analyse nützlich wären, gehandelt, sondern als Ausdruck von unwesentlicher Identität „dekonstruiert“, die aber dann selbstverständlich (was bei diesen speziellen Begriffen auf eine unrühmliche Tradition verweist) sozialdeterministisch und auch explizit biologistisch daherkommen muss.

4.Auch wenn „die herrschenden Gedanken die Gedanken der Herrschenden” sein mögen, und damit bestimmte Gruppen aus gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnissen profitieren, macht das falsche Bewusstsein über die Welt wie sie ist vor keinem halt. Zu glauben, dass aus schlechten Lebensverhältnissen Erkenntnis über deren Ursache erwächst, leugnet die Totalität der warenproduzierenden Gesellschaft und betreibt eine noch dümmere Neuauflage der ohnehin schon verkehrten Verelendungstheorie.

5.Wenn die Wahrheit über die verkehrten gesellschaftlichen Verhältnisse ihre Aufhebung in der Revolution ist, die Postmoderne aber objektive Wahrheiten für nichtig erklärt, dann zeigt sie hier ihr wahres Gesicht: Sie ist das Gegenteil von Gesellschaftskritik, die Antizipation des Scheiterns der Revolution. Die Postmoderne ist die HiWi Philosophie des Positivismus, die mit rebellischem Gestus dessen verewigte Herrschaft einfordert.

Solidarität mit Israel! Demonstration in Frankfurt

Sonntag, 20. 06. 2010
13 Uhr, Bornheim Mitte/Am Uhrtürmchen
(Haltestelle der Linie U4 – vom HBF zu erreichen: Bornheim Mitte)

Antisemitismus ist keine Abenteuer-Kreuzfahrt

Antisemiten drängt es zur konformistischen Revolte. Der Versuch, die Blockade des Küstenstreifens vor Gaza zu hintertreiben, der am 31. Mai von der israelischen Armee beendet wurde, war als symbolischer Sieg konzipiert, als „ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzess, ein feierlicher Durchbruch eines Verbotes.“ (Freud) Was Rechte, Linke und Moslems in sechs Schiffen, von denen jedes einzelne als Miniaturausgabe des internationalen antisemitischen Gruselbündnisses betrachtet werden kann, ins Mittelmeer trieb, war die Lust am Ausnahmezustand, den man durch die feierliche Verletzung der israelischen Schutzzone herbeizuführen trachtete, um sich als Opfer zu inszenieren und die Weltöffentlichkeit gegen Israel aufzuwiegeln. Nichts anderes war das Ziel der Flotte nach Gaza und hierfür war man zu allem bereit.

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Redebeitrag der Gruppe Nirgendwo
Wenn sich, wie heute, Menschen versammeln um ihrer Solidarität mit Israel Ausdruck zu verleihen, sind das leider, aber eben auch dem Zeitgeist entsprechend, immer recht überschaubare und freundschaftliche Veranstaltungen.
Dass man sich, wenn man schon einer solchen Minderheit angehört, die gegen einen weltumspannenden, partei-, politik- und länderübergreifendem antizionistischem Konsens ankämpft, untereinander doch bitteschön nicht kritisiere, ist eine häufig vernommene Forderung. Aber gerade die Tatsache, dass hier Menschen anwesend sind, denen man keine Basisbanalitäten an den Kopf werfen muss, denen man nicht erklären muss, dass auf den Schiffen der angeblichen Friedensflotte Antisemiten und todesfreudige Märtyrer ihres Kampfes harrten und die für nichts lieber in den Tod gingen, als im Propagandakampf gegen Israel, gerade das betrachten wir als Möglichkeit, um auf Fehler und Dummheiten innerhalb der praktischen Israelsolidarität hinzuweisen.
Nichts spricht dagegen, die Gründe, warum es nur vernünftig ist, für Israel zu sein, möglichst weiten Kreisen zugänglich zu machen. Wenn dieses Unternehmen aber darauf hinausläuft, mit schlechten Parolen, hässlichen Kompromissen und ausbleibender Kritik, für die deutsche Presse zu hampeln, dann heiligt kein Zweck die Kampagnen-Mittel.

In Köln, wo vor einer Woche für ein Fairplay mit Israel geworben worden war, standen wir nicht deshalb nicht, weil es so schön ist, den kleinstmöglichen Kreis vor der eigenen Haustür zu pflegen, sondern schlichtweg deshalb nicht, weil es eine fahrlässige Dummheit ist in einem Aufruf anzukündigen „Deutschlands Solidarität mit dem Staate Israel zu bezeugen.“ Eine unverschämte Dummheit bleibt es auch dann, wenn man sich darüber klar ist, dass die Verteidigung Israels auf verschiedenen politischen Ebenen geschehen muss und man eine hohe Anzahl von Veranstaltungsbesuchern für eine durchaus erfreuliche Tatsache hält.
Das Ansinnen, eine deutsche Solidarität zu erfinden, kommt vor allem von denjenigen Freunden Israels, die in Deutsch-Israelischen Gesellschaften oder Initiativen wie honestly concerned organisiert sind. Es ist aus zwei Gründen falsch: Erstens gibt es diese Solidarität nicht, weshalb sie bezeugen zu wollen, dem Tatbestand der Täuschung entspricht und zweitens gibt es nach wie vor keinen einzigen Grund, für Deutschland freiwillig in den Zeugenstand zu treten. Es geht um Israel, nicht um die Wiedergutwerdung Deutschlands.
Die Organisatoren der Israelkampagnen, wollen seriös sein. Das heißt im Ernstfall, dass man ausschließlich für so genannte Mehrheitsbevölkerung und die Medien agiert, ohne auch nur annährend die Grenzen der Aufklärung, die sich in der Betrachtung dieser beiden Appellationsinstanzen aufdrängen sollten, zu reflektieren. Das heißt weiterhin, dass die Flugblätter bunt, die Podeste hoch, die Fahnen groß und die Sprache schäbig wird. Gerade, weil man auch den tollpatschigsten der Freunde Israels viel Erfolg wünscht, ist ihnen mitzuteilen, in welch würdelose Szenarien man sich verstrickt, wenn man vor Deutschlandfähnchen im überstrapazierten Jargon der Demokratie um mediale Aufmerksamkeit bettelt.
Politischer Stil hat ebenso wie Aufklärung etwas mit Erkennen und Wahrheit zu tun. Beide Möglichkeiten verschwinden unter den Formen professionalisierten Politikmachens, weil nichts mehr bleibt als das Aufmotzen der Darstellungsweise.
Wie erfolgreich der Kampf gegen die aktivsten Feinde Israels verläuft, bleibt offen. Ob sein Ausgang durch, Kundgebungen, die als „große“ ausgeschrieben werden, massenkompatible PR-Konzepte oder blau weiße Luftballons beeinflusst werden kann, bleibt nicht nur zweifelhaft, weil das Publikum fürs laute Getrommel fehlt. Die Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten von Mehrheiten und die Interessen von etwas Mächtigeren setzt Mäßigungen voraus, die sich im Resultat vor der Kraft des antisemitischen Unheils, das von der dümmsten Religion bis zur scheußlichsten Partei reicht, blamieren.
Scheußlich bleibt eine Partei, die gleich drei ihrer Kader an Bord der Mavi Marnara hatte, auch dann, wenn es darin einen Arbeitskreis gibt, der hin und wieder dem antizionistischen Parteikonsens widersprochen hat. Allerspätestens die Ereignisse der letzten Wochen hätten dazu führen müssen, dass man aus der Partei „die Linke“ austritt oder einen Rauswurf provoziert. Das Gegenteil ist geschehen:
Der BAK Shalom fand keine klaren Worte für Israel, sondern hält es im seichten Diplomatie-Ton des Jugendfunktionärs für falsch, die „Schuld“ an dem „humanitären und politischen Desaster“ „allein Israel zuzuschreiben. Ähnlich wie die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die die „Einseitigkeit“ und „Unfairness“, mit der der Stop der angeblichen
Hilfsflotte in Deutschland rezipiert wurde, bejammert. Wer das beklagt, muss aber mehr als ein sehr schlechtes Gedächtnis haben, um die offen antiisraelischen Kampagnen hier und auf der ganzen Welt im Sommer 2006, als die Hizbollah Krieg gegen Israel führte, oder im Januar 2009, als die Hamas Krieg gegen Israel führte, zu vergessen. In dem falschen Bewusstsein, Europa, die UN oder irgendeine andere vorhandene Instanz, sei in der Lage den Konflikt endlich „fair zu lösen“ fällt den Kampagnen- und Politikbegeisterten nicht auf, das ein Urteil gegen Israel von der Weltgemeinschaft längst gefällt worden ist. Während sich die einen, der Iran mit seinem Atomprogramm, im Libanon die Hizbollah, im Gaza die Hamas, für die Vernichtung des jüdischen Staates vorbereiten, droht der Rest der Staatengemeinschaft Israel mit diplomatischen Konsequenzen für jeden Akt der Selbstverteidigung. Und während die Elite der EU Staaten den antisemitischen Vernichtungskrieg im Wartestand zumindest passiv
unterstützt, tobt sich in den Ländern der Mob aus. Ob in Schweden, Frankreich, Großbritannien oder Deutschland, Angriffe auf israelische Botschaften, Synagogen und Juden sind praktizierte Zustimmungen zum Projekt der Islamisten: Der Vernichtung Israels“

Same Shit, Different Day

Wie eine widerliche Mischung aus Postantifa, Linskradikalen und Antideutschen den Tag der Arbeit wiederbeleben und der kritischen Theorie das Licht ausblasen möchte

Des Linken liebste Jahreszeit rückt näher. Die letzten Schneereste in Kaltland haben endgültig den Kampf verloren und der Frühling steht vor der Tür. Und damit auch der große, heiß ersehnte Tag des Familienausflugs. Der 1. Mai lässt noch für jeden der sich irgendwie der radikalen Linken oder Antifa hinzurechnet eine Gelegenheit mal wieder gemeinsam auf die Straße zu gehen, sei es um in Kreuzberg Jagd auf Polizisten zu machen oder um in etlichen deutschen Städten den „Tag der Arbeit“ vor den Nazis, die dieses Happening aus gutem Grund schon lange nicht mehr links liegen lassen, zu schützen.
In Frankfurt aber, man legt ja doch Wert auf die ein oder andere Tradition, möchte man dieses Jahr alles anders machen. Deshalb demonstriert am 30.4, also einen Tag vor dem „internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“ nicht nur das Krisenbündis Frankfurt gegen Kapitalismus, sondern auch die lebende Theorieleiche Sinistra/ Antagonistische Assoziation kann von der Politik nicht lassen und stampft ganz unbekümmert eine Kampagne „gegen deutsche Arbeit“ aus dem Boden verdreckter Plenarräume.
Warum diese nicht nur ihrem Namen nach, wenn überhaupt müsste es „gegen den deutschen Arbeitsbegriff“ heißen, sondern vielmehr Aufgrund ihres zweifelhaften Zwecks und des sich irgendwo zwischen Theorieabfall und überlangem und gleichwohl unlyrischem Gedicht befindlichen Aufrufs keine bessere Alternative zum Hurra-Aktivismus des Umsganze Bündnisses ist, möchten wir in diesem Text klären.

„Well I was brave
And unique,
Intelligent,
A snowflake
I could have been a hero
No-one can be trusted over the age of 14″

Der Aufruf der Kampagne beginnt mit einer Einführung in die Marxsche Warenform, die kürzer und schlechter wohl kaum auf Papier zu bringen wäre. Die Textverbrecher aus Bockenheim haben es nämlich nicht nur nicht nötig eine Einleitung zu schreiben, sie reihen einfach nur über eine Seite lang Schlüsselbegriffe aus dem Kapital aneinander von denen höchstens die Hälfte erklärt wird. Bereits im der ersten Satz wird ohne jedwede Erklärung der Begriff Ware benutzt, nur um dann lustlos die von den Autoren offensichtlich x-mal, von den zu überzeugenden Lesern wahrscheinlich nie, durchexerzierte Abhandlung vom Doppelcharakter der Ware und des Fetisches mit dem überraschenden aber schließlich konsequenten Statement zum Abschluss zu bringen, dass „diese Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft, so einfach sie an und für sich sind, (1)[den Menschen nicht als solche erscheinen]“ Das dem so wäre dürfte jeden überraschen der sich an die Lektüre von Marx oder Adorno gewagt hat, ist aber wohl Vorraussetzung für Idealisten die der Meinung sind mit einem mehrseiten Pamphlet die Welt erkären zu können. Noch peinlicher wird es, wenn man in den Anmerkungen lesen muss, dass die komplette Passage „von den Genoss_innen von der ehemaligen Antifa KAO zur Verfügung gestellt“ wurde und so schon einmal den Aufruf einer gescheiterten Kampagne begann.

„There was a sense of disappointment as we left the mall
All the young people looked the same „

Wer so weit geht, der geht natürlich auch noch weiter und so wird nach dem Warenfetisch mit Schrumpfkur die Reproduktionsphäre durchs linke Milchglas betrachtet.: „Die im Arbeitsprozess verbrauchte Arbeitskraft reproduziert sich in der häuslichen Sphäre. Dabei gilt bekanntermaßen eine klare Aufteilung anhand von Geschlechtergrenzen. Während dem Mann die öffentliche, repräsentative Sphäre zugeordnet wird und er als Patriarch „das Essen nach Haus bringt“ , hat die Frau sich, dieser Logik nach, um Haus und Herd (inkl. Kinder) zu kümmern. “
Es hat fast schon etwas ironisches wie linke Kritikaster es schaffen mal um mal die Gesellschaft nach den feuchten Träumen konservativer Ex-Nachrichtensprecherinnen und Bayrischer Dorfpolitiker zu zeichnen, aber mit der Realität haben wohl alle drei wenig zu tun. Der Student (und die Studentin) des Jahres 2010 und seine Freunde aus der Bank, von der Businesschool oder aus der Pilotenausbildung bei Lufthansa gehen wohl wesentlich lieber zur Afterwork Party und entspannen am Wochenende bei Technofesten mit ein bischen Koks und viel Bier um dann anschließend, mit etwas Glück in Gesellschaft, in der Singlewohnung oder in der WG ins Bett zu fallen. Der eigene linke Lebenstil, der jenem verblüffend gleicht und sich nur meist in etwas heruntergekommenern Orten entfaltet, kann und wird bei den Autisten von Sinistra nicht ansatzweise zum Objekt der Analyse, und das obwohl der einzige Unterschied zwischen dem antideutschen und dem deutschen Feiervolk an Wochenenden wohl der ist, dass sich die Gesellschaftskritiker hinterher für ihren Hedonismus auf die Schultern klopfen in der falschen Gewissheit nicht Teil der Restgesellschaft zu sein.

„So why do you go picking fights that you‘ll lose?
When you have entertainment, when have your things to pass the time
So why do you have to go thinking thoughts that are above you? „

Theoretisch sprunghaft, fast sind wir versucht das Wort „postmodern“ zu verwenden, reicht die Aneinanderreihung von Kapitalismus und Sexismus natürlich nicht aus und so muss unter Verweis auf Fichte der Zeigefinger ehoben werden, dass das Böse immer geballt als Triple Oppression auftritt: „Zu diesem Thema postulierte der auch für seine Aussagen im Bezug auf Jüdinnen und Juden populäre Philosoph Johann Gottlieb Fichte die Ehe als „vollkommene Vereinigung zweier Menschen“, in welcher der Mann die rationale – beim Zeugungsakt aktive – Rolle einnimmt, die passive Frau hingegen sich aus Liebe vollkommen dem Mann hingibt und konsequenter Weise auch ihre sämtlichen Rechte und ihr komplettes Vermögen an ihn abtritt. “
Nicht nur dass hier noch einmal beweisen wird was in Bockenheim unter materialistischer Analyse verstanden wird; die Worte eines bald 200 Jahre toten Philosophen als vermeintlich modernen Lebenstandard auszulegen, nein man stellt auch gleich unter Beweis das man von Antisemitismus und Schriftstellerei ebenfalls keine Ahnung hat. Wären die Autoren der Gruppe Nirgendwo Deutschlehrer stünde unter diesem Satz wohl die Anmerkung, dass erstens nicht gesagt wird bei wem Fichte populär gewesen sein soll und zweitens welcher Art seine Aussagen über Juden gewesen sind. Da wir keine Deutschlehrer, dafür aber sehr Wohl Kritiker des Antisemitismus sind, wissen wir den angedeuteten Vorwurf Fichte mache „Aussagen im Bezug Judinnen und Juden“ als linkes Geraune zu entlarven. Es gibt neben Fichte wohl kaum einen deutschen Philiosoph der den modernen Antisemitismus so prägnant zusammenfasste: „Wenn du gestern gegessen hast, und hungerst wieder, und hast nur auf heute Brot, so gib’s dem Juden, der neben dir hungert, wenn er gestern nicht gegessen hat, und du tust sehr wohl daran. – Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.“(2) Fichte macht keine „Aussagen“ über Juden. Fichte steht exemplarisch für einen Antisemitismus der keinen persönlichen Hass hat, keine Tatsachendiskussion über Juden führt. Fichtes Antisemitismus ist ein abstrakter und Produkt der bürgerlichen Gesellschaft deren innere Widersprüche zwischen der zum menschlichen Schicksal erhobenen Ökonomie und den als „Reich der Freiheit“ reichlich Fehlverstandenen politischen Rechten des bürgerlichen Staates die Fichte auf Kosten der Juden lösen will.

„We tell ourselves we‘re different
I‘ve gotten so good at lying to myself „

Doch nicht nur im Bezug auf Fichte steht Sinistra mit ihrer Antisemitismusanalyse vor einem vollständigen Bankrott. Unter der Überschrift „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ versuchen die Hobbyvolkskundler doch tatsächlich nicht nur eine Kontinuität im deutschen Antisemitismus von Luther bis zu den Nazis herzustellen, sie behaupten einfach gleich: „Die Luthersche Trennung zwischen ehrlicher, deutscher Arbeit und jüdischer raffender Arbeit ist Grundlage für den nationalsozialistischen Antisemitismus. “
So einfach ist das nämlich, wenn Frankfurter Linksradikale Kampagnenpolitik machen wollen, 400 Jahre ökonomischer, gesellschaftlicher und ideengeschichtlicher Entwicklung werden über Bord geworfen, die Aufklärung und ihre Dialektik, sonst beliebtes Opfer der philosophischen Leichenfledderer von Sinistra, werden nicht nur ignoriert, ihnen wird sogar diametral widersprochen wenn von einem „roten Faden durch die deutsche Geschichte“ die Rede ist. Um den am Ende des Absatzes schändlicherweise mit einem, mittlerweile zur hohlen Phrase regredierten, Zitat bedachten Adorno vor seinen völkelnden Adepten in Schutz zu nehmen, sei ihre Steilvorlage es gäbe antisemitische „Kontinuitäten in der deutschen Sozialstruktur “ mit seinen eigenen Worten begegnet: „Keineswegs ist der totalitäre Antisemitismus ein spezifisch deutsches Phänomen. Versuche, ihn aus einer so fragwürdigen Entität wie dem Nationalcharakter, dem armseligen Abhub dessen, was einmal Volksgeist hieß, abzuleiten, verharmlosen das zu begreifende Unbegreifliche. Das wissenschaftliche Bewusstsein darf sich nicht dabei beschneiden, das Rästel der antisemitischen Irrationalität auf eine selber irrationale Formel zu bringen. Sondern das Rätsel verlangt nach seiner gesellschaftlichen Auflösung, und die ist in der Sphäre nationaler Besonderheiten unmöglich.“ (3)
Doch wo schon die Vergangenheit der Politik zum Opfer fällt, ist es um die Zukunft nicht besser bestellt. Wenn man 200 Jahre Aufklärung verschweigt und 70 Jahre Dialektik der Aufkläung, dann ist es ein Leichtes auch noch einmal so zu tun als schreibe man das Jahr 1992 und müsse als sich radikale Linke des kommenden vierten Reichs erwehren. Anders sind solche Ergüsse wohl nicht zu erklären: „Das Bild vom mächtigen „Geldjuden“ ist verbreiteter denn je, wie bei der Beobachtung eines deutschen Pausenhofs problemlos festgestellt werden kann, wenn vermeintlich geizige Mitschüler_innen als „Juden“ beschimpft werden.“ Alles ist Recht bei der Konstruktion des Gegners an der Haustürschwelle gegen den man verbalradikal zu Felde zieht, sogar die Relativierung der gigantischen NS Propagandamaschinerie, des Stürmers, des Films Jud Süß.
In Frankfurt haben die Antideutschen den Antisemitismus offensichtlich so nötig, dass sie den Nationalsozialismus relativieren um die BRD im Jahre 2010 zu skandalisieren. Ein Treppenwitz 20 Jähriger innerlinker Debatten.

„I am a martyr I just need a motive
I am a martyr I just need a cause“

Beendet wird der Kampagnenaufruf passenderweise mit einer kruden Mischung aus hilflos- sozialrevoltionärem Gestus und einer Absage an die Revolution, die die Aktivisten wohl, wenn sie die Konsequenzen aus ihren eigenen Versuchen ziehen die Gesellschaft in Worte zu fassen, in den nächsten Jahren in die Arme der Linken oder der SPD treiben dürfte.
Die Theoretischen Mängel und Fehler sind Resultat eines verkehrten Verhältnisses von Theorie zur Praxis das bei Sinistra und Co vorzuherrschen scheint. Am selben Tag an dem man gerne, ganz der junggebliebe APPD- Punker, gegen Arbeit demonstrieren möchte,findet von Seiten des Frankfurter Krisenbündnisses eine Demonstration mit dem Namen „Kapitalismus abschaffen“ statt, und man kommt, nicht zuletzt aufgrund der Kenntniss der Frankfurter Linken, um den Verdacht nicht herum, dass hier versucht wird an das „Erfolgskonzept“ der unbeliebten Konkurrenz anzuknüpfen, also die einstudierte und unhinterfragte Praxis der Traditionslinken mit der „besseren“ Theorie aufzupeppen. Dass das Resultat im besten Fall ein studentischer Schwanzvergleich bleibt, beweist sich immer wieder an der Realität, nachzulesen auf diversen Blogs oder zu erleben bei einer beliebigen Podiumsdiskussion. Im schlechtesten Fall aber beweisen die Autoren, dass ein längerer Aufenthalt im linken Szenesumpf dazu führt, dass man in Aufrufen lieber selbstaufgestellte Pappkameraden erschießt als Gesellschaftskritik zu leisten. Sich darüber hinaus an einem Tag zu orientieren der seit jeher für unhinterfragten, positivistischen Bezug zur Praxis steht, degradiert jede vernünftige Kritik an der Arbeit und ihren deutschen Freunden zu kleinkarierter Besserwisserei. Bevor es also dazu gehen kann den Deutschen und dem Rest der Welt den Warenfetisch auszutreiben muss zuvor der Linken der Fetisch der Praxis ausgetrieben werden. Es kann für uns deshalb nur heißen: Keine Parolen, keine blöden wie: „Gegen Arbeit“

Alle Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet, entstammen dem Aufruf „Geh erstmal faulenzen! Gegen deutsche Arbeit“. Nachzulesen unter 30avril.tk

(1) Nichteinmal zur grundlegenden Unterscheidung des „an sich seins“ und des „für sich seins“ hat es bei den Autoren ausgereicht.

(2) J.G. Fichte, Schriften zur Revolution

(3) Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Vorwort zu Paul Messings „Vorgeschichte des politischen Antisemitismus“

Zur Demo „Strike the Match!“ am 30.4 in Wiesbaden

„Dass man sich zwar nicht sicher sei, Doch man sei auf jeden Fall dabei “
Über den antikritischen Charakter dieser Demonstration und Antifaschismus im Allgemeinen

„Man sei durchaus bereit ein anderes Leben zu führen
Im Augenblick stünde man zwar noch zwischen den Türen
Es sei ja auch schwierig so von heute auf morgen
Man habe ja auch noch den Hund zu versorgen“

Für nichts ist die Linke und mit ihr ihre sämtlichen Derivate, ob sie sich nun antideutsch, kommunistisch oder sonst wie nennen mögen, so leicht zu begeistern wie für das, was sie bereits tausendmal durchexerziert hat. So ist es nicht verwunderlich, dass am 1. Mai in Mainz, nachdem lokale Nazis eine Demonstration angekündigt haben, im Unterschied zum alltäglichen postnazistischen Dauerschlaf auf einmal emsige Geschäftigkeit herrscht. Linksbürgerliche Gutmenschen, deren sonstige Aktivität stets auf kreuzaffirmative Staatshuberei beschränkt ist und bleibt, sei es bei aktuellen Protesten gegen die Krise, in der man den Souverän als erste und letzte Instanz für jegliche Problemlösungen beschwört, sei es bei dem in Endlosschleife geforderten härteren Vorgehen gegen die als Volksfeinde begriffenen Nazis, werden sich am 1. Mai auf der Straße zusammenrotten, um je nachdem wie stark das Gewissen beruhigt werden möchte, wahlweise versuchen sie in der eigenen Stadt nicht marschieren zu lassen oder eben weit abseits eine Bratwurst zu grillen und dabei Schilder und Fähnchen für das bessere Deutschland in den Himmel zu strecken. Doch auch Protagonisten von weiter linksaußen möchten ihren kleinen Teil zur Rettung der Gesellschaft vor den Nazis beitragen. So schreibt die Antifa Wiesbaden in ihrem Aufruf zur Vorabenddemo „Gegen Nazis, Deutschland und Arbeitswahn“, dass „einfache Erklärungsmuster ( antisemitische und rassistische Ideologie, G.N.) […] kein Problem eines „rechten Randes“ [sind], sondern vielmehr von der sogenannten Mitte der Gesellschaft getragen“ werden. Abgesehen von der nach sozialpädagogischem Geschwätz nur so triefenden Verharmlosung des Antisemitismus als „einfache(m) Erklärungsmuster“ zeigen sich die Anti-Nazi Aktivisten blind gegenüber jeder materialistischen Erkenntnis von Ursache und Wirkung.

„Doch man habe natürlich wenn man ehrlich sei
Damals all das verdrängt was man heute begreift“

Die bürgerliche Gesellschaft, soll heißen Staat und Kapital und deren Charaktermasken und ideologischen ReproduzentInnen, unterwirft jeden in ihr lebenden Menschen einer Vielzahl von abstrakten und konkreten Zwängen. Die Grundlagen dieser Gesellschaft – Ware, Arbeit und Nationalstaaten – denen niemand entgehen kann werden aber nicht als Zwänge erkannt und kritisiert sondern biologisiert. Die Verschleierung des sozialen Charakters dieser Grundlagen führt zu ihrer Rationalisierung. In Zeiten der Krise, wenn also die Unzumutbarkeit kapitalistischer Vergesellschaftung auch jenseits dieser Rationalisierungen zu Tage tritt, sucht das bürgerliche Bewusstsein nach Krisenlösungen, ohne seine eigenen Grundlagen zu verstehen. Im Gegenteil: um so desaströser die Situation, desto unerbittlicher versucht die bürgerliche Ideologie ihre Grundlagen umsetzen. Die Konsequenz dieser Durchsetzung ist der Antisemitismus, die Rettung der Arbeit durch die Teilung in „ehrliche Handarbeit“ und „jüdische Nichtarbeit“. Die unverstanden abstrakten Zwänge die dem Arbeitsbegriff inhärent sind werden abgespalten und in der Person des Juden konkretisiert um schlussendlich, durch die systematische Vernichtung von Juden oder als Juden identifizierten Menschen abgeschafft zu werden. Die „Gesellschaftliche Mitte“ wie die Antifa Wiesbaden bürgerliche nicht-Nazis flapsig nennt trägt also nicht zufällig diese Ideologien oder gibt ihnen einfach nur „Nährboden“ den die Nazis dann befallen, sondern ist ihr Ursprung.

„Und erst jetzt komme man wohl nicht umhin
Sich einzugestehen, dass hier etwas spinnt“

Dass einem Aufmarsch von bekennenden AnhängerInnen der Verantwortlichen für die Shoa etwas entgegengesetzt werden muss, ist selbstverständlich. Dass aber eine radikale Gegnerschaft zur antisemitischen Vernichtungsideologie eine Gegnerschaft zum Kapitalismus selbst bedeuten muss, das also, um es mit Max Horkheimer zu sagen vom Faschismus schweigen soll wer vom Kapitalismus nicht sprechen will, ist Voraussetzung für Antifaschismus der kommunistischer Kritik genügen soll. Auch wenn viele Antifas inzwischen betont theoretisch daherkommen, ändert sich an dem Fokus auf die Nazis wenig. Das Wenige, was an Theorie konsumiert und dann, meist als vulgär-adornitisches Pamphlet, als eigene Textproduktion der Szene bei den regelmäßigen Events zugänglich gemacht wird, ist eine Fassade um der bröckeligen alten selbstzweckbehafteten Praxis einen schicken neuen Anstrich zu geben. Die Theorie ist nicht Grund der Praxis sondern verkommt zu einer Entschuldigung für eine zombiehafte politische Bewegung die nichts im Sinn hat, als ein bisschen Werbung für sich zu machen und selbst an dieser Aufgabe kläglich scheitert.

Gruppe Nirgendwo, April 2009

Alle Überschriften entstammen dem Lied „Die neue Seltsamkeit“ der Band Tocotronic